Geschichten aus der Jugend: Der blonde Jüngling

Der blonde Jüngling

Ein lauer Maiabend, wir schreiben die Mitte der Neunziger. Eine Gruppe Jugendlicher poltert angetrunken die alten Pfade St. Peters entlang. Hinaus aus dem unterirdischen Luftschutzraum, vorbei an der Schule mit der Uhr im Turm, vorbei am Zweiradladen, hin zum großen Parkplatz des Waffenhändlers. Nur noch einige Meter bis zum geschichtsträchtigen 5-Stockwerk-Haus, in dem schon der ein oder andere Anschlag verübt wurde, Reifen zerstochen, Sattel geklaut und Töpfe gesaugt wurden. Hier wollen sie Zuflucht suchen. Viele der Halbwüchsigen sind noch unbedarft in Sachen Gerstensaft, stehen am Anfang ihrer Trinkexzess-Karriere. Apfeliger Berentzengeschmack mischt sich im Mundraum mit ungewohntem Nikotin. Die Leichtigkeit des Seins mischt sich mit Auswirkungen der Schwerkraft. Unruhig kontrolliert der Führer den reibungslosen Ablauf der schwankenden Prozession.

Die letzten Meter des Weges – nur noch ein Wechsel der Straßenseite und sie sind am Ziel. Dem Führer der Gruppe ist es nicht ganz wohl bei dem Gedanken, bei einem irgendwie gearteten Vorfall als Volljähriger in der Verantwortung zu stehen und mahnt die Heranwachsenden zur Mäßigung. Diese üben sich in Konzentration, doch da geschieht, was nicht geschehen sollte, nicht geschehen durfte:

Ein Streifenfahrzeug biegt in die Straße, nähert sich langsam – abwartend, welcher Art von Kerlen sie da gleich gegenüber stehen würden.

Unruhe erfasst den Führer – verletzte Aufsichtspflicht lässt Nervosität heraufkriechen, er spürt den Atem verärgerter Eltern schon im Nacken, drohende Aufnahme von Personalien, mangelnde Grundlage für Rechtfertigung. Er holt die jungen Kerle zu sich heran, mahnt sie zur Ruhe, bittet sie darum sich zusammenzureißen. „Verhaltet euch unauffällig“!!! Trotz hohen Pegels versteht die Gruppe das Dilemma der Situation, konzentriert sich auf diskretes Verhalten.

Die Gruppe gebart sich den Umständen entsprechend normal, jeder weiss was er zu tun hat – sie wechseln ohne Aufmerksamkeit zu erregen die Straßenseite, um Schutz hinter geparkten Lieferwägen zu suchen. In Sicherheit wird erst einmal tief durchgeatmet, doch der Blick zurück lässt den Führer schaudern. Ein blonder Jüngling verpasste den Abmarsch über die Straße und blieb auf der anderen Seite zurück. Die Streife kommt bedrohlich nahe – aufgeregt fordert der Führer den Jüngling zur Eile auf, hofft, dem drohenden Unglück noch entgehen zu können. Doch was die Blondbacke sich für diesen Moment aufgespart hat, spottet jeder Beschreibung. Diese tragisch-komische Slapstickeinlage wird ihn bis ans Ende seiner Tage begleiten.

Der Blondschopf nimmt in überschwänglichem Leichtsinn die Überquerung der Straße auf die leichte Schulter, beschwingt will er hinübertänzeln, startet einen vergeblichen Versuch, durch Lässigkeit zu imponieren. Die schon sehr nahen Scheinwerfer des Streifenwagens setzen ihn ins Spotlight. Die Gruppe von drüben verfolgt gebannt das Geschehen, die Cops aus dem Auto, die Hunde auf der Kackwiese, der Achim ohne Shirt auf dem Fahrrad – alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Das ist sein Moment, seine 10 Sekunden Aufmerksamkeit, er stößt einen freudigen Laut aus und stakst los.

Die Gruppe hält den Atem an. Der blonde Jüngling versucht sich mit dem ersten Schritt. Die Zeit verlangsamt sich, die Welt scheint still zu stehen. In Zeitlupe kriecht der Polizeiwagen die Straße herauf. Der Rabauke taumelt. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Zigarette, nun gefährlich in Schräglage. Er befindet sich jetzt genau in der Mitte der Straße. Die Scheinwerfer setzen ihn in Szene. Ein Schritt wird zum ganzen Leben. Füße verknoten sich, der Anflug des Taumelns wandelt sich in erschreckende Sicherheit. Gleichgewicht wird zum Wunschtraum. Der massige Körper senkt sich unaufhaltsam in Richtung warmen Asphalt. Unkontrolliert schlagen Gliedmaßen dumpf auf Stein. Der freudige Laut senkt sich 2 Oktaven tiefer in entsetztes Gebrüll. Aufprall als Klatschen. Der Glimmstengel wird aus der auf Stein treffenden Hand geschleudert und wird zur sprühenden Explosion. Funken wohin das Auge blickt. Wie ein Tanz von Glühwürmchen rund um den gestürzten Luftikus. Halogenlichter lassen das Haar golden erscheinen. Ein Stück der Ewigkeit, eine Lumpensammlung Zeit, ein Flickenteppich Existenz.

Entsetzte Blicke, Unverständnis in den Augen der Cops – gefrorenes Blut in den Venen des Opfers. Höhnisches Gelächter vom Wegrand. Schlücke aus der Pulle… Ausgang unbekannt

(Verfasser unbekannt , Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig)

Diese Geschichte hat ein sehr guter Kumpel von mir geschrieben! Freu mich schon auf die Nächste!